Stirbt das Bargeld aus?

Die Abschaffung der 500-Euro-Note ist bereits beschlossen. Karten und elektronische Bezahlsysteme sind auf dem Vormarsch. Ist das der Anfang vom Ende unserer Münzen und Scheine? Was wären die Vorteile – und was die Nachteile?

 

Kaum ein Thema wird im Finanzbereich derzeit so heiß diskutiert wie die Frage, ob es in nicht allzu ferner Zukunft kein Bargeld mehr geben wird. Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen – doch jetzt gibt es Tendenzen, die genau in diese Richtung gehen:

– Anfang Mai entschied der Rat der Europäischen Zentralbank, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Begründung: Schwarzgeldgeschäfte und kriminelle Transaktionen, die üblicherweise in bar abgewickelt werden, würden so erschwert.

– Smartphone-Bezahlsysteme sind auf dem Vormarsch. Mit Systemen wie „Apple Pay“, „Google Wallet“ oder „Android Pay“ wird Verbrauchern das elektronische Bezahlen schmackhaft gemacht.

– Manche Länder sind auf dem Anti-Bargeld-Weg schon ein ganzes Stück vorangekommen: In einigen skandinavischen Staaten sind Tankstellen und Restaurants nicht mehr verpflichtet, Bargeld anzunehmen. Am weitesten fortgeschritten ist das bargeldlose Bezahlen wohl in Schweden. Dort ist es inzwischen üblich, auch kleine Summe von umgerechnet 2 bis 3 Euro – etwa für einen Kaffee oder einen Snack – mit Kreditkarte zu bezahlen. In Stockholm haben sich sogar schon Verkäufer von Obdachlosenzeitungen auf der Straße mit entsprechenden Lesegeräten zum Kassieren ausgerüstet.

Klar ist: Eine weitgehende oder gar vollständige Abschaffung von Scheinen und Münzen würde unsere Finanzwelt grundlegend verändern – sowohl im Positiven als auch, wie von Kritikern befürchtet, im Negativen.

Befürworter wie der deutsche Ökonomieprofessor Peter Bofinger nennen als einen Hauptgrund eines Bargeld-Banns den Kampf gegen Schwarzarbeit, Geldwäsche und Korruption. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Forderung nach einem Verbot von Bargeldgeschäften mit einem Volumen von mehr als 5.000 Euro. Ein weiterer Effekt könnte die Ankurbelung der Konjunktur durch die Steigerung des privaten Konsums sein. Denn generell sitzt bei Verbrauchern das Geld lockerer, wenn sie online oder mit Kreditkarte bezahlen anstatt ins Portemonnaie zu greifen.

Hierzu haben US-Wissenschaftler bereits vor einigen Jahren ein interessantes Experiment durchgeführt. Sie maßen die Gehirnströme von Testpersonen, während sie ihnen Preisschilder unterschiedlicher Produkte zeigten, darunter auch Wucherpreise. Das Ergebnis: Allein der Anblick der Höchstpreise aktivierte Gehirnregionen, die für die emotionale Verarbeitung von Schmerzen zuständig sind. Geld ausgeben tue also weh – und besonders schmerzhaft, so die Vermutung der Forscher, sei es, wenn man das Geld unmittelbar in Form von Scheinen und Münzen weggebe. Kreditkarten würden diesen Schmerz hingegen quasi „betäuben“.

Genau hierin liegt aber auch eines der Risiken des bargeldlosen Bezahlens. Die Zahl überschuldeter Konsumenten könnte spürbar steigen, wenn zügelloses Shoppen weiter vereinfacht wird. Das gewichtigste Gegenargument ist aber die Horrorvorstellung vom „gläsernen Kunden“. Kritiker sehen schon den Beginn eines finanztechnischen Überwachungsstaates.

Ein weiterer Punkt betrifft die Zinsentwicklung. Sollten die Zinsen auf Sparguthaben weiter sinken, womöglich bis auf null Prozent (der europäische Leitzins hat diesen Punkt bereits erreicht) – dann hätten Sparer nur noch die Möglichkeit, ihr Geld abzuheben und quasi unter dem Kopfkissen, sprich: zu Hause aufzubewahren. Mit der Abschaffung des Bargelds wären sie allerdings dieser Möglichkeit beraubt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine Empfehlung der Hello bank! dar und kann keine fachliche Beratung durch einen Anlage- und/oder Steuerberater ersetzen. Bitte beachten Sie, dass die dargestellten Finanzinstrumente den allgemeinen Wertpapierrisiken unterliegen, insbesondere auch dem Bonitätsrisiko des Emittenten und dem Risiko eines Totalverlustes des eingesetzten Kapitals.

 

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