Hüfner’s Marktkommentar: Die Nachteile niedriger Zinsen

  • Niedrige Zinsen sind gut für die Konjunktur. Auf Dauer bringen sie jedoch strukturelle Probleme mit sich.
  • Das größte: Bei zu niedrigen Zinsen ist die Zukunft relativ zur Gegenwart zu teuer. Das fördert kurzsichtiges Denken und Handeln zu Lasten von Nachhaltigkeit.
  • Zehn Gründe, weshalb anhaltend niedrige Zinsen der Volkswirtschaft schaden.

Dass die Zinsen in den meisten Industrieländern zu niedrig sind, weiß jeder. Sie müssten heute in Europa eher bei 2,5 bis 3% liegen als bei den 0,5%, bei denen sie tatsächlich sind. Ist das schlimm? Anleger finden es natürlich ärgerlich, dass sie keine ordentliche Rendite bekommen. Schuldner freuen sich dagegen, weil Kredite billig sind. Im Übrigen aber, so scheint es, funktioniert die Volkswirtschaft ganz ordentlich. Die meisten haben sich mit der neuen Situation abgefunden. Sie rechnen auf absehbare Zeit nicht mit höheren Zinsen.

Der Schein trügt jedoch. So unproblematisch ist die Sache nicht. Zinsen sind in einer Volkswirtschaft Preise. Wenn Preise falsch gesetzt werden, führt das zu Ungleichgewichten. Wenn das nur in einem begrenzten Sektor der Fall ist, sind die Wirkungen zu verschmerzen. Zinsen sind aber ganz wichtige Preise. Sie betreffen die ganze Breite wirtschaftlichen Handelns.

Die Höhe der Zinsen zeigt an, was die Zukunft im Verhältnis zur Gegenwart wert ist. Wenn die Zinsen zu niedrig sind, dann heißt das, dass die Zukunft relativ gesehen zu teuer ist. Was teuer ist, wird weniger nachgefragt. Zu niedrige Zinsen leisten dem Kurzfristdenken Vorschub. Die Menschen schauen mehr auf das „Hier und Heute“. Sie verdrängen die langfristigen Folgen. Nachhaltigkeit bleibt auf der Strecke. Das ist gefährlich.

Die Wirkungen zeigen sich an vielen Stellen der Volkswirtschaft. Hier zehn Beispiele.

Erstens: Die Altersvorsorge leidet. Wer selbst für sein Alter vorsorgt, hat bei der gleichen monatlichen Ersparnis später weniger zur Verfügung. Unternehmen können ihren Beschäftigten für die gleichen Pensionsrückstellungen am Ende nur noch eine geringere Rente auszahlen. Es droht Altersarmut.

Zweitens: Die Verschuldung wächst. Staaten nehmen zu viel Kredit auf. Unternehmen machen mehr Schulden. Sie ersetzen Eigenkapital durch Fremdkapital. Das macht sie anfälliger für Risiken.

Drittens: Sparer werden bestraft. Das kann entweder dazu führen, dass die Menschen weniger auf die hohe Kante legen, weil sie keine vernünftigen Zinsen bekommen. Es kann aber auch sein, dass die Sparquote steigt, weil sonst die Sparziele nicht erreicht werden. Beides war in den letzten Jahren in Deutschland zu beobachten.

Viertens: Banken kommen in Schwierigkeiten. Für sie war die Transformation kurzfristiger Einlagen in langfristige Ausleihungen traditionell ein Kerngeschäft. Das fällt jetzt weg beziehungsweise wird weniger rentabel. Kreditinstitute müssen sich neue (hoffentlich nicht riskantere) Geschäftsmodelle suchen.

Fünftens: Versicherungen haben Probleme. Sie tun sich schwer, die Zusagen an ihre Kunden aus den vergangenen Jahren am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Der durchschnittliche Garantiezins aus früheren Lebensversicherungen liegt derzeit bei über 3%. Nur für neue Abschlüsse von Lebensversicherungen beträgt der Garantiezins heute 1,25%.

Sechstens: Staatliche Regulierungen der Finanzmärkte greifen immer mehr um sich. Das sind die so genannten makroprudentiellen Maßnahmen, mit denen Banken und Versicherungen in dem Niedrigzinsumfeld sicherer gemacht werden sollen. Viele Regulierungen könnte man sich sparen, wenn die Zinsen steigen würden.

Siebtens: Die Risiken am Kapitalmarkt erhöhen sich, nicht weil die Anleger risikofreudiger geworden sind, sondern weil sie für ihre traditionellen Investments keine ordentlichen Renditen mehr finden. Zu viel Risikoneigung ist für eine Volkswirtschaft nicht gut.

Achtens: Die Aktien- und Rentenkurse sind – als Folge der niedrigen Zinsen – auf Niveaus gestiegen, die fundamental nicht mehr gerechtfertigt sind. Es haben sich vielfach Blasen gebildet. Die Gefahr, dass diese Blasen platzen, nimmt mit zunehmender Dauer der niedrigen Zinsen zu.

Neuntens: Auch am Immobilienmarkt zeigen sich Anzeichen von Blasen. In Innenstadtlagen von Berlin und München zum Beispiel haben die Preise Niveaus erreicht, die für normale Mieter und Käufer schwer zu bezahlen sind.

Zehntens: Die Gefahr von Fehlinvestitionen nimmt zu, weil der Zins als Maßstab zur Beurteilung der Rentabilität neuer Projekte nicht mehr taugt. Damit droht es zu Fehlallokationen zu kommen, die am Ende zu Produktivitäts- und Wohlstandsverlusten führen.

Die Schlussfolgerung: Nichts gegen niedrige Zinsen als Instrument zur Nachfragesteuerung im Konjunkturzyklus. Sie sind aus der modernen Wirtschaftspolitik nicht wegzudenken. Aber Vorsicht, wenn die Zinsen dauerhaft niedrig sind. Dann überwiegen die Nachteile.

Für den Anleger: Die Märkte reagieren in der Regel positiv auf niedrige Zinsen. Aktien- und Rentenkurse steigen. Investoren, die auf kurzfristige Gewinne aus sind (und das „Trading“ beherrschen), können davon profitieren. Langfristig orientierte Anleger sollten jedoch die Gefahren anhaltend niedriger Zinsen bedenken. Sowohl am Aktien- als auch am Rentenmarkt sind die derzeitigen Kurse vielfach überzogen. Rückschläge sind möglich. Bereits jetzt dauert der Boom am Aktienmarkt mit sieben Jahren länger als alle seine Vorgänger in den letzten fünfzig Jahren. Vergessen Sie nicht, sich abzusichern.

 

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine Empfehlung der Hello bank! dar und kann keine fachliche Beratung durch einen Anlage- und/oder Steuerberater ersetzen. Bitte beachten Sie, dass die dargestellten Finanzinstrumente den allgemeinen Wertpapierrisiken unterliegen, insbesondere auch dem Bonitätsrisiko des Emittenten und dem Risiko eines Totalverlustes des eingesetzten Kapitals.

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