Busch’s Börsen-News: Brasilien vor der Olympiade – wo steht das einstige Boom-Land heute?

Brasilien galt vor nicht allzu langer Zeit als Star unter den Emerging Markets, die Wirtschaft wuchs konstant im mittleren einstelligen Bereich, die Arbeitslosenquote war niedrig und die Inflation auf einem akzeptablen Niveau. Doch dies ist vorbei. Zwei Jahre nach der Fußballweltmeisterschaft, kurz vor der Sommerolympiade, steht Brasilien so schlecht da wie schon lange nicht mehr.

Rezession und Depression

Aktuell herrscht in dem einstigen südamerikanischen Vorzeigestaat wirtschaftliches und politisches Chaos. Seit über zwei Jahren befindet sich die brasilianische Wirtschaft in einer Rezession und auch dieses Jahr ist keine Besserung in Sicht, eher das Gegenteil ist der Fall. Mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 5,9 % im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal hat der Abschwung sogar noch an Fahrt zugenommen. Zudem befindet sich die Arbeitslosenquote mit 10,9 % auf dem höchsten Stand seit es Aufzeichnung dazu gibt. Deutlich angestiegen ist auch die Inflation. Mit aktuell 9,28 % befindet sie sich nur knapp unter den Höchstständen von Anfang des Jahres. Um den Preisanstieg in den Griff zu bekommen, hoben Brasiliens Notenbanker den Leitzins auf ein Niveau von 14,25 %. Ebenfalls gewachsen ist die Staatsverschuldung. Ende 2015 betrug sie 66,23 % des BIP und Experten rechnen mit weiteren Anstiegen – in drei Jahren gelten 80 % als wahrscheinlich. Kein Wunder, dass die großen Rating-Agenturen Brasiliens Kreditwürdigkeit inzwischen auf Ramschniveau herabgestuft haben.

Neben den wirtschaftlichen Problemen leidet das Land auch noch an einer ausgemachten Regierungskrise. Misswirtschaft, Korruption und zahlreiche Skandale überschatteten die Amtszeit der Präsidentin Dilma Rousseff. Der einstigen Hoffnungsträgerin werden unter anderem Verschleierung der Höhe des Haushaltsdefizits sowie Kreditverstöße vorgeworfen. Letzte Woche hat der Senat Rousseff für 180 Tage, bis zur endgültigen juristischen Prüfung der Vorwürfe, suspendiert.

Besserung in Sicht?

Wenig Hoffnung setzen Experten auf das nächste sportliche Großereignis in Brasilien. Ähnlich wie die Fußballweltmeisterschaft 2014 wird auch die Sommerolympiade 2016 kaum den lange ersehnten wirtschaftlichen Aufsprung bringen. Anders als die Fußball-WM dauern die olympischen Spiele nur zwei Wochen und sind zudem auf eine Stadt – Rio de Janeiro – begrenzt. Außerdem sind kurz vor der Eröffnungsfeier die meisten Tätigkeiten, die die Konjunktur ankurbeln könnten, wie beispielsweise die zahlreichen Baumaßnahmen, beendet. Der Verband der Bauindustrie schätzt sogar, dass nach den Spielen bis zu 35.000 Leute entlassen werden könnten.

Ebenfalls negativ sind die Erwartungen an den Tourismus. Kaum einer rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Besucherzahlen nach den 31. Sommerspielen. Neuen Schwung könnte dagegen ein Regierungswechsel bringen. Ein neuer Staatschef könnte womöglich die lange überfälligen strukturellen und marktfreundlichen Reformen einleiten, die für eine Wiederbelebung der Konjunktur notwendig sind.

Ein weiterer Lichtstreif am Horizont sind die jüngst leicht gestiegenen Rohstoffpreise. Neben Zucker und Kaffee ist Brasilien vor allem bekannt für seine Öl- und Eisenerzvorräte. Sollten die Preise sich weiter erholen, profitiert die heimische Wirtschaft überproportional. Genau auf diese Hoffnungen bauen derzeit viele Investoren und Anleger. Trotz der miserablen wirtschaftlichen Lage gehören brasilianische Aktien in diesem Jahr zu den Gewinnern. Allein der brasilianische Leitindex konnte bis dato rund 20 % zulegen. Wieder einmal scheint sich die alte Börsenweisheit „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ zu bewahrheiten. Anleger sollten allerdings vorsichtig sein – neben den Chancen birgt Brasilien auch zahlreiche Risiken und die Volatilität wird in den nächsten Wochen und Monaten hoch bleiben.

 

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und stellt in keiner Weise eine Finanzanalyse, eine Anlageberatung, ein Angebot zum Kauf oder eine Empfehlung der Hello bank! dar und kann keine fachliche Beratung durch einen Anlage- und/oder Steuerberater ersetzen. Bitte beachten Sie, dass die dargestellten Finanzinstrumente den allgemeinen Wertpapierrisiken unterliegen, insbesondere auch dem Bonitätsrisiko des Emittenten und dem Risiko eines Totalverlustes des eingesetzten Kapitals.

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